Manchmal, nachts, wache ich immer noch schreiend auf. Dann habe ich wieder dieses Bild vor Augen: Eine Nibelungengestalt mit Vollbrust-Corsage, Schleppe und viel zu kurzem Rock thront über mir auf einem Podest, Sturm fegt durch ihre strähnige Mähne, und mit entsetzlicher Ur-Gewalt brüllt mir diese Erscheinung „GLOOOOOOOOORIOUS!!!“ ins Gesicht: „Heute Nacht können wir glorreich sein“, röhrt die Sirene, und es klingt wie eine Drohung. „Wir sind jung im Herzen und frei! Ich kann die Musik in mir fühlen“, kräht die Stimme. Und ich denke mir: Das ist toll, Cascada, aber bitte lass mich schlafen. Doch mit der Ruhe ist es erst mal vorbei.
Eins muss man Natalie Horror, Verzeihung, Horler, ja lassen: Ihre Hymne, dieses glorreiche Infernal, ist ein Ohrwurm allererster Klasse. Ich meine, da schlägt sie sogar „Last Christmas“, „Wake me up, before you go go“ und alles von ABBA, sogar die Dancing Queen. Du kannst ihren Song hassen, aber Du wirst ihn nie wieder los. Nicht in hundert Jahren. Seine Soundwellen schrauben sich gnadenlos in dein Gehirn, so wie sich Zigarettenrauch in die Autopolster frisst, oder wie sich der Geruch fettigem Bami Gorengs für immer in Muttis Strickpulli verbeißt.
In China sagt man ja: Das Plagiat ist die höchste Form des Kompliments. Und so ist es fast schade, dass GLOOOOOOOOORIOUS – amtlich beglaubigt – kein Plagiat von EUPHOOOOOOOOORIA ist. Denn Cascada macht der glorreichen Loreen mit ihrem – freundlich gesagt – billigen Abklatsch überhaupt kein Kompliment, nicht mal ein kleines. Dahinter steckt Kalkül: Ich nähere mich dem Siegertitel so nah wie möglich an und verspreche mir davon größtmöglichen Erfolg. Das ist nicht verboten. Und auch nicht schlimm. Schließlich wurde der Song demokratisch gewählt. Nun ja, einigermaßen demokratisch. Und schließlich haben es schon andere Fälschungen durchaus zu Weltruhm gebracht: Das Bernsteinzimmer in St. Petersburg, die chinesische Kopie des Transrapid zum Beispiel oder die Hitler-Tagebücher.
Das war geschmacklos, ich weiß. Und vielleicht tue ich Cascada grob Unrecht. Schließlich soll Frau Horler weltweit etwa sieben Milliarden Platten verkauft und mindestens dreißig Milliarden Fans haben. Völlig unbemerkt. Zumindest kannte ich die rheinische Röhre bisher nur aus Bohlens DSDS-Jury. Wer kann denn ahnen, dass die auch singt? Und so wünsche ich dieser beindruckenden Erscheinung, die mir regelmäßig den Schlaf raubt, von Herzen alles Gute in der Weltmetropole Malmö und wenigstens ab und zu einen Gnadenpunkt für Germany. Sorgen müssen wir uns ja nicht machen: Den letzten Platz haben mal wieder die Briten reserviert. Nach König Engelbert schicken sie nun Bonnie Tyler ins Rennen. God save the Queen.











